Dienstag, 4. April 2017

Jeder soll das tun was er will


Das Leben von Frithjof Bergmann ist vom Gedanken „New Work" durchzogen: Geboren 1930 in Sachsen, wanderte er mit 19 Jahren in die USA aus. Er arbeitete am Fließband und als Hafenarbeiter, boxte für Geld und schrieb Theaterstücke. Das folgende Philosophiestudium unterbrach Bergmann, weil er nicht wusste, ob er diesen Weg „wirklich wirklich wollte".


Er lebte zwei Jahre als Einsiedler in New Hampshire. Nach seiner Promotion über den Philosophen Hegel lehrte Frithjof Bergmann in Princeton, Stanford, Chicago und Berkley. Seit 1978 ist er Philosophieprofessor an der University of Michigan in Arm Arbor. 1984 gründete er mit General Motors das erste Zentrum für Neue Arbeit. „New Work" wurde zu seiner Lebensaufgabe. Neben Firmen, Gewerkschaften und Kommunen berät Bergmann auch jugendliche und Obdachlose. Seinen Ansatz vertritt er in den USA und Europa, aber auch in den Ländern der Dritten Welt.
Die Vollbeschäftigung kommt ohnehin nicht wieder, sagt Frithjof Bergmann. Den derzeitigen Schwund an Arbeitsplätzen sieht der Philosophieprofessor von der University of Michigan deshalb nicht als Drama, sondern als Chance für ein neues Arbeitssystem: Er nennt es „New Work". Was sich dahinter verbirgt und wie Unternehmen davon profitieren können, erläutert er im Gespräch
Mit den Internet-Unternehmen fing es an. Jetzt verkündet quer durch alle Branchen fast täglich ein großer Konzern Stellenabbau und Entlassungen. Erleben wir gerade das Ende der klassischen Arbeitswelt, das Sie bereits seit 20 Jahren voraussagen?
Frithjof Bergmann: Was zurzeit geschieht, macht es auf jeden Fall viel schwieriger, sich der Illusion hinzugeben, dass es ewig weitergehen kann wie bisher. Dass sich alles wieder finden wird, wenn wir nur diese Krise überwunden haben. Dabei liegt es nicht gerade auf der Hand, dass die Situation besser wird. Die Vollbeschäftigung kommt nicht wieder. Und wir stehen an einem Punkt, an dem es entweder immer weiter nach unten geht oder - wenn wir die Chance nutzen - nach oben.
Was muss Ihrer Ansicht nach passieren, damit es nach oben geht?
Frithjof Bergmann: Der Teufel steckt in unserem Jobsystem, an dem wir wie Drogensüchtige hängen: Wir klammern uns daran fest, obwohl es viele Menschen krank macht, weil sie ihren Job für sinnlos halten oder unterfordert sind. Wir weinen um Arbeitsplätze, die Maschinen und Computer ausfüllen können und das nicht nur in der Industrie, sondern zunehmend auch in der Dienstleistungsbranche: Flugtickets, Autos und sogar Häuser werden ja bereits über das Internet verkauft.
Auf der anderen Seite gibt es unendlich viel Arbeit: Ich kann jedes Kind besser erziehen. Ich kann Dachgärten anlegen und mich um die Energieversorgung in den Ländern der Dritten Welt kümmern. An Arbeit mangelt es nicht. Wir machen den Weg zu ihr aber unheimlich klein. Das gilt es, zu erkennen und zu ändern.
Abhilfe schaffen wollen Sie mit „New Work`: 
Wie funktioniert dieses Modell genau?
Frithjof Bergmann: Der Gedanke von „New Work" ist, dass die verbleibende Erwerbsarbeit so aufgeteilt wird, dass immer mehr Menschen in Teilzeit arbeiten. Sie sollen aber nicht nur auf Arbeit und einen Teil ihres Gehaltes verzichten, sondern auch etwas Neues dafür bekommen. Etwas, das sie dazu befähigt, ein erfülltes Leben zu führen: Erstens soll jeder Mensch tun können, was er wirklich wirklich will und damit möglichst auch Geld verdienen. So kann ein Fließbandarbeiter Yoga unterrichten oder ein Sachbearbeiter Bücher schreiben.
Zweitens können die Menschen die freie Zeit nutzen, um Fähigkeiten zu entwickeln, die ihnen helfen, sich selbst zu versorgen. Und damit meine nicht unbedingt Gemüse anbauen und
Holz für den Kamin hacken, sondern Eigenarbeit auf hohem technischen Niveau. Wer genügend Zeit hat, kann zum Beispiel sein Haus zu großen Teilen selbst bauen und dabei ein neues Energie-Spar-Konzept verwirklichen. Oder er kann mit computergesteuerten Maschinen Kleider und Möbel nach seinen individuellen Vorstellungen herstellen. So werden die Menschen kreativ, benötigen weniger Geld für ihren Lebensunterhalt und sind unabhängiger von sicheren, aber unattraktiven und ohnehin schwindenden Arbeitsplätzen, zum Beispiel in der Massenproduktion.
Was könnten Unternehmen dazu beitragen, dieses auf den ersten Blick recht utopische Modell zu verwirklichen?
Frithjof Bergmann: Dass meine Idee gar nicht so utopisch ist, zeigt das heute schon fast legendäre „New Work"-Projekt bei General Motors in der Autokrise der achtziger Jahre. Statt die Hälfte der Leute zu entlassen, wurde die Arbeit aufgeteilt. Jeder arbeitete nur ein halbes Jahr. In der anderen Zeit besuchten die Mitarbeiter das dafür eingerichtete Zentrum für „Neue Arbeit". Hier versuchten sie herauszufinden, was sie wirklich arbeiten wollen. Und dabei haben wir sie beraten.
Was hat das Unternehmen davon?
Frithjof Bergmann: Der größte Vorteil für das Unternehmen: Es muss nicht eine Riesenentlassung vornehmen und bis zu 100.000 Euro zahlen, um einen einzelnen Mitarbeiter loszuwerden. Ein Zentrum für „Neue Arbeit", ein Gebäude, in dem die Menschen lernen können umzudenken, kommt das Unternehmen viel günstiger. Und dann gibt es in Zeiten der Entlassungen noch ein anderes Problem: All die Leute, die wirklich tüchtig sind, versuchen wegzugehen, bevor die nächste Kündigungswelle sie erwischt. Der Rest hat Angst und sitzt geduckt vor dem Computer.
„New Work" hilft also, gute Mitarbeiter zu halten?
Frithjof Bergmann: Ja. Und das ist nicht nur ein Nebenfaktor, sondern ganz wichtig: Je mehr wir in die Zukunft hineingehen, je mehr wir den Anspruch haben, dass Menschen kreative Arbeit leisten und nicht solche, die Maschinen und Computer übernehmen können, umso mehr werden wirklich begabte Mitarbeiter für den Erfolg eines Unternehmens verantwortlich sein.
In Deutschland bieten erste Firmen wie der Elektronikkonzern Siemens und die Unternehmensberatung Accenture ihren Mitarbeitern teilweise bezahlte Auszeiten an, um gute Mitarbeiter nicht zu verlieren. Ist dies ein Schritt in Ihre Richtung?
Frithjof Bergmann: Bei solchen Ideen fühle ich mich sogar ein bisschen beklaut. Das sind schon Konzepte, wie ich sie in die Welt gesetzt habe. Ob sie jedoch nachhaltig etwas bringen, ist sehr fraglich. Wenn diese Sabbaticals wirklich nur bedeuten: Machen Sie ein Jahr lang, was Sie wollen, danach können sie noch einmal klingeln und hören, ob es jetzt genügend Arbeitsplätze gibt, dann greift das zu kurz. Wird ein solcher Ansatz aber mit „New Work" verknüpft, wäre das sehr sinnvoll.
Die drei Säulen von New Work
Teilzeitbeschäftigung:
Durch Automatisierung und Computerisierung wird die Erwerbsarbeit immer knapper. Frithjof Bergmann sieht die Lösung in der Teilzeitarbeit. Die Arbeitnehmer sollen aber nicht nur auf Arbeit und Geld verzichten: In der übrigen Zeit sollen die Menschen unternehmerisch tätig werden und sich auf hohem technischem Niveau selbst versorgen.
Was ich wirklich wirklich will:
Geht es nach Frithjof Bergmann sollte sich jeder Mensch diese Frage stellen können. Im Gegensatz zur klassischen Erwerbsarbeit, die die Menschen seiner Ansicht nach oft unterfordert, krank und depressiv macht, sollen sich die Menschen nach dem New Work-Modell die Arbeit aussuchen, die ihnen Spaß macht, und sogar Geld damit verdienen.
Glauben Sie, dass die Wirtschaft „New Work" in der jetzigen Zeit stärker für sich entdeckt?
Frithjof Bergmann: Seit den neunziger fahren beobachte ich ein verstärktes Interesse, das in den vergangenen Monaten noch zugenommen hat. Ich baue heute vor allem auf junge Unternehmer wie die Menschen in Silicon Valley, die Millionen verdient haben und dann mit ihren Firmen abgestürzt sind. Die sind erstaunlicherweise gar nicht so traurig darüber. Sie denken darüber nach, weniger zu arbeiten in einem Job, den sie wirklich machen wollen. Sie beabsichtigen, ihre riesigen Villen zu verkaufen, in großen Apartmenthäusern zu leben, gemeinsam Kinder aufzuziehen und sich selbst zu versorgen. Ich wünsche mir, dass solche Menschen neue Unternehmen mit einer neuen Philosophie gründen. Im Herbst 2002 erscheint mein Buch „New Work - New Culture". Ich hoffe, dass es seinen Teil dazu beitragen wird.:
Gemeint ist damit nicht die Rückkehr in vorindustrielle Zeiten, in denen jeder Gemüse angebaut und Tiere gezüchtet hat. Sondern: Wer neben seinem Teilzeitjob noch genügend Zeit hat, kann Fähigkeiten entwickeln, um sich auf hohem technischen Niveau selbst zu versorgen. Er kann etwa sein Haus in Eigenarbeit renovieren oder sich gemeinsam mit Nachbarn und Freunden mit computergesteuerten Maschinen Kleider und Möbel nach seinen individuellen Vorstellungen anfertigen. Das bedeutet zum einen eine erfüllende Gestaltung der freien Zeit. Zum anderen werden Ideen entwickelt, die die Kosten für den Lebensunterhalt senken. Und das wiederum bedeutet mehr Unabhängigkeit und mehr Freiheit, um herauszufinden, was man wirklich wirklich will.

Auszug aus einem Interview

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