Mittwoch, 13. November 2019

Selbstwirksamkeit


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Selbstverwirklichung bedeutet in der Alltagssprache die möglichst weitgehende Realisierung der eigenen Ziele, Sehnsüchte und Wünsche mit dem übergeordneten Ziel, „das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen“ (Oscar Wilde), sowie – damit verbunden – die möglichst umfassende Ausschöpfung der individuell gegebenen Möglichkeiten und Begabungen (Talente).
 Der Begriff hat für seine konservativen Kritiker einen negativen Beiklang von Egoismus und mangelndem Familiensinn. Andererseits wird in der Maslowschen Bedürfnispyramide Selbstverwirklichung gerade mit Altruismus in Verbindung gebracht. Auch der Humanismus, der als erste Philosophie der Selbstverwirklichung des Menschen betrachtet werden kann, legt eher diese Verbindung nahe. Ein Philosoph, der für die völlige und grenzenlose Selbstverwirklichung des Individuums eintrat (ohne den Begriff zu gebrauchen), war Max Stirner.
 Der Neurologe Kurt Goldstein befasste sich 1934 in seinem Hauptwerk Der Aufbau des Organismus ebenfalls ausführlich mit dem Konzept der Selbstverwirklichung. Er stellt fest, dass der Organismus bestrebt sei, eine bestimmte Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt aufrechtzuerhalten, in der er sich seinem Wesen gemäß am adäquatesten verwirklichen kann. Diese Tendenz zur Verwirklichung seines Wesens nennt er später Selbstverwirklichung. Unter „Wesen“ versteht Goldstein die dem Organismus zugehörigen Eigentümlichkeiten seiner Individualität und die „Aufrechterhaltung der relativen Konstanz des Organismus“.
In der Psychologie hat Abraham Maslow den Begriff prominent gemacht. Innerhalb einer Hierarchie der Bedürfnisse (Maslowsche Bedürfnishierarchie) setzte er ihn an die oberste Stelle bzw. die letzte Stelle in der Reihung Körper / Sicherheit / Liebe / Anerkennung / Selbstverwirklichung.
In der Psychoanalyse zeigte Carl Gustav Jung, dass der Mensch in der zweiten Lebenshälfte um die Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile bemüht ist.
Nach Karl Marx sollte die Selbstverwirklichung vor allem durch die menschliche Arbeit geschehen. Er unterschied dabei die Selbstverwirklichung als Gattung in der Natur und die Selbstverwirklichung als Individuum in der Gesellschaft.
Carl Rogers sieht Selbstverwirklichung als grundlegendes Motiv menschlichen Handelns und gebraucht den Begriff Aktualisierungstendenz für sein spezifisches Konzept.
In Philosophie, Religion und Wissenschaft gibt es viele weitere Auffassungen, was Selbstverwirklichung, meist ohne den Ausdruck explizit zu verwenden, ausmache. Sie ergeben sich aus dem Menschenbild, das zugrundegelegt oder entwickelt wird, und der daraus entwickelten Theorie oder Lehre vom Selbst oder dem Selbstkonzept. Oft wird Individualismus als Voraussetzung für Selbstverwirklichung angesehen, wobei aber die Selbstverwirklichung letztlich nur gemeinsam mit anderen Menschen gelinge, insofern der Mensch ein soziales Wesen sei und eine soziale Identität habe, die der Bestätigung und Anerkennung durch die Mitmenschen bedürfe. Max Stirner steht für eine Auffassung von Selbstverwirklichung, die solcher Anerkennung nicht bedarf, ebenso etwa der Existenzialismus Sartres. Die Zuwendung zu den Mitmenschen gründet nach solcher Ansicht dann nicht in einem Bedürfnis des Menschen als sozialem Wesen, sondern geschieht aus Freiheit (Verantwortung, Liebe, Gestaltung des „guten“ Lebens usw.). Religiöse Lehren erachten die Verbindung mit einem Göttlichen oder Absoluten als notwendig für Selbstverwirklichung.
Maßgeblich von den Idees Maslows beeinflusst, hat sich von den USA ausgehend, das Human Potential Movement entwickelt, bei dem die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und Potentiale und die Sinnerfüllung des Lebens im Mittelpunkt stehen. Oftmals wird der Generation von 1968 ihr Streben nach Selbstverwirklichung vorgeworfen. Außerdem gibt es aktuelle Strömungen innerhalb der kommunistischen Bewegung, die in der Selbstverwirklichung eines jeden das Ziel einer zukünftigen Gesellschaft sehen.
Nach Johan Galtung wird Gewalt über Selbstverwirklichung definiert: Gewalt liege dann vor, wenn die aktuelle Selbstverwirklichung geringer sei, als sie aufgrund der gesellschaftlichen Ressourcen sein könnte. 

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