Ganztagschulen der Dauerbrenner




Eine Ganztagsschule, auch als Ganztagesschule oder einfach als Tagesschule bezeichnet, hat das Ziel, Schüler während eines großen Teils des Tages unterzubringen. Sie ist eine Alternative zum Schulhort und wird teilweise auch als Kooperationsverbund von Schule und Schulhort betrieben. Die Ganztagsschule grenzt sich ab einerseits gegen die Normalschule (ohne Mittagessen, ohne (Haus-)Aufgabenhilfe oder Betreuung außerhalb der Lektionen) und andererseits gegen Internate, in denen die Kinder bzw. Jugendlichen auch den Abend, die Nacht und überdies je nachdem das Wochenende verbringen.

Die Freizeit und die Unterrichtszeit sind in der (gebundenen) Ganztagsschule verschränkt und bilden eine Einheit. Die Kinder müssen für jeden Tag der Woche angemeldet werden, und die Anwesenheit ist verpflichtend. Die Schüler gehen je nach Schule meist zwischen 16 und 17 Uhr nach Hause, nachher wird oft eine Spätbetreuung angeboten. Das Betreuungsangebot wird in vielen Schulen auch an autonomen Tagen gewährleistet.
Ganztagsschulen stellen eine Schulform dar, die im Zuge der Gleichstellungspolitik und der Diskussion um Chancengleichheit in ihrer Verbreitung zunimmt. Eine bereits hohe Verbreitung haben sie unter anderem in Frankreich und Skandinavien
Als ein Vorteil der Ganztagsschulen gegenüber den Normalschulen wird die Möglichkeit zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Schülern und Lehrern genannt, da es am Nachmittag meist lockerer zugeht als während des morgendlichen Unterrichts; es solle größerer Wert auf offene Lernformen gelegt werden. Die Klassengemeinschaften verbringen längere Zeit zusammen als in anderen Schulen, was das Sozialleben positiv beeinflussen solle. Das intensive Zusammenleben der Schüler unterschiedlicher sozialer/kultureller Herkunft fördere das gegenseitige Verständnis. Des Weiteren kann unter Umständen der Stundenplan (Abfolge der Fächer, Pausen etc.) den Bedürfnissen der Schüler besser angepasst werden.
Damit die individuelle Entwicklung einer Persönlichkeit in einer Ganztagsschule nicht zu kurz kommt, werden in den Nachmittagsstunden z. B. mehr künstlerische oder sportliche Fächer untergebracht als in einer Normalschule. Die so genannten Freizeitstunden lassen sich der Idee nach mit den Unterrichtsstunden verschränken. Oftmals werden die Angebote durch externe außerschulische Kooperationspartner durchgeführt. Dadurch findet eine professionelle Kooperation unterschiedlicher Berufskulturen an Ganztagsschulen statt, und Schüler erhalten so die Möglichkeit, Zusatzangebote/Ganztagsangebote kennenzulernen und zu nutzen, zu denen sonst der Zugang erschwert wäre.
Vor dem Hintergrund der aktuellen arbeitsmarktpolitischen und demographischen Entwicklung hält man es für sinnvoll, mittels Ganztagsschulen Möglichkeiten zu schaffen, dass beide Elternteile in höherem Umfang am Erwerbsleben teilnehmen können, da die Kinder einen großen Teil des Tages betreut sind. Anders als beim ähnlichen Konzept vormittags Schule, nachmittags Hort ist der Nachmittag meist fest in den schulischen Ablauf – mit klarem und unmissverständlichem Bildungsauftrag – integriert und nicht nur eine erzieherische Betreuung.
Befürworter der Ganztagsschule argumentieren des Weiteren mit der PISA-Studie, in der einige Länder mit Ganztagsschultradition besser als Deutschland oder Österreich abgeschnitten haben. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele: Norwegen hat schlechtere, Frankreich ähnliche und Schweden nur bei den ersten Erhebungen geringfügig bessere Ergebnisse als Deutschland erzielt. Es gibt auch zahlreiche Staaten mit Ganztagsschulsystem, die bei PISA schlechter abschneiden als Deutschland. Zudem haben die Unterschiede zwischen verschiedenen Staaten so viele verschiedene Gründe, dass PISA hier ebenso wenig wie in anderen schulpolitisch umstrittenen Fragen zwingende Schlussfolgerungen zulässt (vgl. Kritik an den PISA-Studien).
 Zentrale Folgewirkung einer ganztägigen Betreuung ist, dass der erzieherische und bildende Einfluss der Eltern auf ihr Kind zu Gunsten des Einflusses der Schule abnimmt. Zudem gehe den Kindern die zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit notwendige Freizeit verloren. Angebote außerschulischer Bildungsträger können nur unter erschwerten Bedingungen wahrgenommen werden. Vereine, Kirchen, Musikschulen usw. beklagen, dass Kinder und Jugendliche weniger verfügbare Zeit haben, um sich intensiv außerschulischen Aktivitäten widmen zu können. Daraus resultiere schlussendlich eine Verarmung und Uniformierung der Bildungslandschaft.
Zum Teil wird auch befürchtet, dass die Ganztagsschule die Schüler in ihrer psychischen und körperlichen Leistungsfähigkeit überfordert sowie dass die emotionale Bindung zu den Eltern und die familiären Bindungen im Allgemeinen geschwächt werden, während die Kinder andererseits verstärkt schlechten Einflüssen wie zum Beispiel verhaltensauffälligen Mitschülern ausgesetzt seien. Problematisch für die Entwicklung seien auch der zumeist hohe Lärmpegel und eine fortdauernde Stressbelastung, weil viele Kinder das schulische Umfeld als belastend erleben.
Dass einzelne Länder mit Ganztagsschulsystem, zum Beispiel Kanada, bei PISA besser abgeschnitten haben, wird von den Kritikern auch auf andere Umstände zurückgeführt. Vielfach seien die Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Schüler-Lehrer-Relation oder die Ausstattung der Schulen anders und erheblich besser. Kleinere Lerngruppen und Klassen sowie gute Ausstattungen (Lehr- und Lernmittel) würden helfen, die schulischen Leistungen zu verbessern. Zudem sei dort das pädagogische und therapeutische Angebot für Problemschüler besser. Problemfälle würden aus dem Klassenverbund herausgenommen und speziell gefördert. Dies sei in Deutschland nicht oder kaum möglich.
Die Ergebnisse von PISA hätten zudem zu politischen Schnellschüssen im Hinblick auf Ganztagsbetreuungen geführt, die eine wohldurchdachte Konzeptionierung vermissen lassen. Auch Forschende, die die beschreibenden Aussagen von PISA über Leistungsoutput für plausibel halten, ziehen die oftmals getroffenen Schlüsse hinsichtlich der Ursachen geringer Leistung erheblich in Zweifel.
Inzwischen zeigen verschiedene Studien, dass der Ausbau der Ganztagsschulen nicht zu einer signifikanten Leistungssteigerung geführt hat. "In einem Systemvergleich der Leistungen von Grundschulkindern an Schulen mit und ohne Ganztagsangebot finden sich für die Lesekompetenz von Grundschülerinnen und -schülern auf Bundesebene keine Hinweise auf einen Fördereffekt zugunsten der Ganztagsschule." Ähnliches gelte für die Frage der Chancengerechtigkeit, die durch Ganztagsschulen verbessert werden sollte: "Vor dem Hintergrund des Ziels der Entkopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft ist es wünschenswert, dass Ganztagsschulen mit ihren Angeboten diejenigen Schülerinnen und Schüler erreichen, die unter benachteiligenden und/oder belastenden Bedingungen aufwachsen. Forschungsbefunde, die den Ausbaustand an Schulen zur Mitte des letzten Jahrzehnts reflektieren, zeigen deutlich, dass die Erreichung dieses Ziels den Ganztagsgrundschulen bis dato nur zum Teil gelang."
Die Ganztagsschule in offener Form (vgl. Offene Ganztagsschule) bringt weitere Kritikpunkte mit sich. Zum einen ist so die Gemeinschaft der Schüler untereinander nicht mehr gewährleistet, da die Nichtganztagsschüler bereits Mittags nach Hause gehen, während die Ganztagsschüler in der Schule bleiben, was aber nicht in ihrer vertrauten Klassengemeinschaft geschieht. Außerdem wird die Ganztagsschule in offener Form oftmals nur als „Aufbewahrungsstätte“ für Schüler gesehen, quasi als Hort in der Schule und nicht als Feld pädagogischer Erfahrungsmöglichkeiten für Schüler. 

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